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LeseZeit

„Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns“ (Franz Kafka)

5./6. Klasse: Maja Lunde. Über die Grenze (192 Seiten, 10 €)

„Dypvik kam heraus und öffnete seinem Jungen die Autotür. Er hatte seine dunkelblaue Uniform an. Er half Johann in den Wagen und tätschelte ihm den Kopf. Dann wandte er sich uns zu. Er warf Papa einen schrecklichen Blick zu, der schlimmer war als Ottos Schlangenblick. Papa starrte zurück. Während sie sich ohne Worte ansahen, schien etwas zwischen diesen beiden erwachsenen Männern zu passieren – etwas das mein Herz erstarren ließ. (…) Sie hießen Sarah und Daniel. Sie war sieben Jahren alt, er zehn, genau wie ich. Und sie waren zwei völlig normale Kinder. Ihr Vater war Lehrer, die Mutter war schon vor langer Zeit gestorben. “

Die Geschichte spielt 1942 in Norwegen, während das Land unter deutscher Besatzung steht. Zwei jüdische Kinder werden versteckt, bis sie zur Grenze gelangen können, um nach Schweden zu fliehen, wo ihr Vater auf sie wartet. Als die Helfer jedoch auffliegen und verhaftet werden, springen deren zwei norwegische Kinder ein: Die zehnjährige Gerda und ihr zwölfjähriger Bruder Otto.

Der Roman greift die Holocaust-Thematik aus der Perspektive eines Kindes authentisch und bewegend auf. Gerda lernt man schnell als Protagonistin zu schätzen, weil sie sich intensiv mit ihrer Umwelt auseinandersetzt und der Leser durch die kindliche Perspektive die Zustände des Nationalsozialismus und die Schrecken des Krieges kennenlernt, ohne zu sehr ins Detail zu gehen. Die düsteren Inhalte, welche die Wut und die Angst der Kinder widerspiegeln, werden für einen Roman, der für Kinder ab neun Jahren geeignet ist, sensibel und verständlich aufgegriffen und man bekommt einen guten Einblick in die historischen Ereignisse des Nationalsozialismus.

7./8. Klasse: Ilona Einwohlt. Uncovered. Dein Selfie zeigt alles. (219 Seiten, 10 €)

„>>Langsam wird’s langweilig<<, meinte Leon in der Woche vor den Herbstferien. Gähnend scrollte er durch seine Fotos. >>Ich habe sämtliche Körperteile von mir abfotografiert und verschickt, so what? Wer hat denn nun gewonnen? <<“

Ein sexy Foto von der Neuen in der Klasse abstauben: für Mädchenschwarm Milan die ultimative Challenge. Ein Flirt mit der selbstbewussten Ella soll ihm bei seinen Kumpels den Bad-Boy-Titel sichern. Aber Ella, die ihn beim Judo locker auf die Matte wirft, ist so ganz anders als die Mädchen, die Milan bisher um den Finger gewickelt hat. Als es zwischen den beiden funkt, schickt Ella ihm das Selfie, auf das er gewartet hat. Aber längst hat sich Milan in Ella verknallt, so richtig. Die bescheuerte Wette ist für ihn Geschichte. 

Das Buch greift die Internet-Problematik auf, dass alles, was man dort postet, wie ein weltweit sichtbares Plakat ist und man sich nicht auf die Vertraulichkeit im Netz verlassen darf. Aber das Buch zeigt nicht nur das Problem, sondern enthält auch Handlungsstrategien, die das Opfer und ihr Umfeld erfolgreich anwenden, um mit den negativen Kommentaren, den Anfeindungen und der öffentlichen Sensations-Aufmerksamkeit umzugehen. Die Geschichte macht deutlich, dass man im Internet nicht rechtsfrei agieren kann. Einige Passagen sind im Chat-Stil geschrieben und machen so das Ganze noch authentischer.

9./10. Klasse: Maren Gottschalk. Schluss. Jetzt werde ich etwas tun. Die Lebensgeschichte der Sophie Scholl. (248 Seiten, 9,95 €)

„Am 25. Januar steigt Sophie in einen Zug nach Augsburg. In ihrem Koffer liegen 250 fertige Briefe mit Augsburger Adressen und außerdem 2000 Flugblätter (…) Dann fährt sie nach Ulm (…) sie übergibt Hirzel die Flugblätter, geht zum Bahnhof zurück und fährt wieder nach München. Es ist die erste sehr riskante Aktion von Sophie Scholl.“

Die taube Emilia hat eine Liste mit besonderen Träumen: Sie möchte Klavierspielen lernen, ein Konzert besuchen, auf einer Party tanzen oder einfach nur wissen, wie der Regen klingt. Im Wohnheim in Wien, in das Emilia zu Beginn der Sommerferien vor ihrem Studium gezogen ist, will sie austesten, wie sie mit ihrer Behinderung in der normalen Welt alleine zurechtkommt und dabei die Liste ihrer Träume abarbeiten. Außerdem muss sie sich darüber klar werden, ob sie sich einer Operation unterziehen soll, bei der sie vielleicht ihr Gehör zurück bekommt. Nick wohnt auch im gleichen Wohnheim und durch Zufall begegnen sie sich und freunden sich an. Während er Emilia beim Erfüllen ihrer To-Do-Liste hilft, hütet er selbst ein großes Geheimnis, mit dem er sich in diesem Sommer selbst auseinandersetzen muss.

Das Buch ist eine Biografie, die einen umfassenden und spannenden Einblick in das Leben von Sophie Scholl gibt, aber auch viel über die verschiedenen Gedanken und Haltungen im Nationalsozialismus aufklärt. Als Widerstandskämpferin und Mitglied der »Weißen Rose« wurde Sophie Scholl (1921-1943) zum Mythos. Ihr Mut und ihre Unerschrockenheit sind umso erstaunlicher, als sie noch wenige Jahre vorher eine begeisterte HJ-Führerin war. Neue Quellen zeigen, dass das Mädchen Sophie Scholl eine viel kompliziertere und spannendere Persönlichkeit war, als bisher bekannt ist. Am Anfang muss man sich vielleicht an den etwas berichthaften, an einem Nachrichtensprecher erinnernden Schreibstil gewöhnen.